Am Sukkot Fest

Am Sukkot Fest (Laubhüttenfest*) des Jahres 2013 bin ich auf eine Reise ausgebrochen, die mich hierher, zur Stadt Berlin, gebracht hat. Migration ist ein ständiger Zustand der Vergänglichkeit. Auch nachdem ich in Deutschland eine Familie gegründet habe, und Bücher veröffentlichte, fühlt sich Berlin nicht als ein dauerhafter Wohnsitz und es ist nicht wegen der Stadt, sondern ausgerechnet wegen dem Zustand des doppelten Bewusstseins des Migranten, dessen das eine Bein in einem Ort verwurzelt sei und das andere Bein woanders. Das Sukkot Fest, das wir in diesen Tagen feiern, lobpreist den Zustand der Vergänglichkeit, die Israeliten, die aus Ägypten flüchteten, sind noch nicht zur ihrer Herrschaftsstätte gekommen, und in der Wanderung durch die Wüste, vierzig Jahre lang, haben Hütten errichtet und wieder zusammengefaltet. Indessen, die Israeliten, nach ihrer Flucht aus Ägypten und der Reise zum Land Israel, zur Erlösung des versprochenen Landes, haben sich an den heiligen Wörtern festgehalten, die vom Sinai Berg in der Form der jüdischen Grundgesetze herunterkamen, der zehn Gebote. Auch nach der Zerstörung des Tempels, die heiligen Wörter der Bücher der Weisheit, sind noch mächtiger geworden, da die Juden in ihnen ihre Herrschaftsstätte gründeten.

Auch am Sukkot Fest 2020 vergesse ich die hebräischen Wörter nicht, ich trage sie auf meinem Rücken, weil Hebräisch ist die Sprache in der ich erschaffe. Die Sprache ist dem Migranten wichtig, weil er die Kultur, aus der er gekommen ist, nicht vergessen kann, und indessen wird er in der neuen Kultur einverleibt. Und in der Verbindung, in der Vermischung der zwei Kulturen wird etwas Neues geboren, das so kreativ ist und enthält in sich so viele Erkenntnisse. Hier ist ein Gedicht, dass ich 2013 am Sukkot Fest über meinen Prozess des Verlassens von Israel und der Ankunft in Berlin schrieb:

Die Worte vom Verlassen

Das Gedicht fängt gleich an

zu fallen, denn

aufgab ich mein Leben auf Pfand

neues Leben zu finden in Berlin

sprach gebrochen Englisch, Deutsch, Hebräisch

fünf Shekel for ’nen Euro

hab die jüdische Leitung gekappt

mich von Mutter getrennt

von meinen Büchern

von der Liebe meines Lebens, den Buchstaben

meine Freunde

(Bagdad | Haifa | Berlin, AphorismA Verlag, 2019)

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Auch Berlin selbst ist eine Art provisorische Hütte (wie eine Laubhütte*) und ein Zufluchtsort für viele

Exilanten, Geflüchteten und Migranten. Vor siebzig Jahren war sie eine Stadt, aus der geflohen wurde,

und heute ist die eine Stadt an deren Tore Geflüchtete und Exilanten anklopfen (Deutschland ist das

bevorzugte Land von Geflüchteten, die Asien und Afrika verlassen).

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„auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“ (Deuteronomium 10, 19) Im Judentum werden wir gelehrt die Fremden (versteht sich als die Anderen) zu lieben und auf deren Rechte zu achten aus der Erinnerung der Flucht und Diaspora der Israeliten in Ägypten. Gott fordert uns auf die Liebe gegenüber den Anderen, die eine Art von den Fremden sind. Nicht nur weil wir immer zu uns selbst fremd sind, sondern weil die Liebe es vollbringen kann, einen Fremden zu einem Bekannten zu machen. Aber den Fremden zu lieben ist eine nicht leichte Aufgabe und trotzdem, Gott fordert uns auf unsere Warmherzigkeit zu den zu leiten, die wir noch nicht kennen, da wir selbst die Liebe Gottes in Ägypten erhalten haben, und Gott hat uns aus dem kaltherzigen Königreich Pharaos herausgeführt. In Deutschland wurde mir dieser Prozess im Kommen der Million Geflüchtete und Asylsuchende in die großen deutschen Städte offenbart. Indessen, hat sich mein Anblick des Asylsuchenden einen Gedicht in Berlin hervorgebracht. Dieser spricht über die Verbindung meines Daseins als Sohn einer syrischen jüdischen Familie aus Halab (Aleppo*) zu den syrischen Geflüchteten, die plötzlich in den Vororten erschienen.

Aleppo

Aleppo, ich bin Matityahu ben Shifra, Deiner Töchter Sohn, Enkel Deiner Juden,

ein über Deine ausradierten Gedichtsgegenden Trauernder, über Dich

Aleppo, wirst Du der Zehntausenden Trauerlied hören

hier in Berlin, zu Deutschland, auf dem Kontinent Europa?

Nein, das ist keine Feuerwerksrakete, die die Himmel des arabischen Frühlings

entzündet,

Aleppo, nenn mir den Satan, der Fassbomben auf die Köpfe Deiner Kinder wirft,

der da denkt, nur so werde man sich Deines Namens liebevoll erinnern,

Aleppo, gleich einer Seite in einem Gedichtbuch flatterst zerrissen Du im Wind;

Deine Kinder brechen unter der Betonlast zusammen, die ihre Kindheit auslöscht.

Aleppo, wir, die wir Deine Gedichte lesen, die wir nichts wissen über den Tanz

der Mädchenhand die da schreibt Erinnerungslyrik ihrer Mutter

Aleppo, wir kämpfen nicht mit Waffen

stoßen nicht vor mit Überhand bis zum Siege.

Unsere Hoffnung betten wir in den sanften, weichen Wachs

der sich verneigenden Wortberggipfel,

in den still fallenden Schnee, der im Frühling taut,

in die Süßwasser der Liebesquellen,

den fließenden

Aleppo, die sich entfaltenden Gedichte werden einst in den Gärten blühen;

in Morgenlandromanen werden wir frei unter Wanderdünen wandeln;

eigenhändig von uns gravierte und tätowierte Buchstabendünen

sandrote Gebetsworte

enthüllen sich in Deinen Heiligtümern

die auf dem Rücken Deiner Seele verstreuten, die uns

zum Innern der Freiheitsglocken erweckt.

Aleppo, wie das Gedeihen der Buchstabenbezirke,

Aleppo, wie ein Kind, das den Geschichten seiner Großmutter lauscht

kehre ich einst zurück

auf Deinen Schoß.

(Bagdad | Haifa | Berlin, AphorismA Verlag, 2019)

 

Es gibt Menschen, die meinen, die Sukkot (Laubhütten*) waren die Wolken der göttlichen Ehre, die über die Israeliten in der Wüste schirmten. Ich finde diese Interpretation passend, passend zur Seligkeit der Wanderung, diesem Geist der Heiligkeit des Sukkot Festes. Im Sinai Berg, wo die Israeliten vierzig Jahre lang wanderten, die Wolken, sie waren das Gesicht Gottes. Und es gibt nicht Zeitweiliges als die Wolken. Und vielleicht so kann ich alle Punkte verbinden, einerseits ist das Sukkot Fest der Aufbruch zu einer Reise, weg vom Geburtsort, dem Haus der Mutter und des Vaters, hin zu einem neuen Ort. Und das Sukkot Fest ist auch die Suche nach einem Zufluchtsort, eine Flucht und ein Versuch der Wiedergeburt. Und Sukkot ist auch ein Blick nach Oben, zum Himmel zur Hilfe, da dein Dach wird zum Anlehnen an Wolken, der Natur, dem Lebenszyklus unserer Planeten.

Die Reise fängt mit einem Schritt an, nach und nach sammeln sich die Schritte an und werden zu einem neuen und unbekannten Weg. Du wirst niemals wissen wo die Reise enden wird. Das einzige was ich weiß, als jüdischer Schriftsteller und als Dichter ist, dass ich aus der hebräischen Sprache gekommen bin, und ich bin auf dem Weg hin zum Schreiben eines neuen Buches, und dass ich meinen Lesern einen Bericht erstatte. Meine Sukkah ist vergänglich, meine Reise ist vergänglich, auch mein Schrieben ist vergänglich. Und trotzdem, Berlin verbindet für mich am Sukkotfest in sich die Möglichkeit zur Veränderung, um vom Ort der Gefahr zu einem Ort des Asyls, des Wachsens, zu werden.

The text was published/released on a poetry evening organized by TKVA in the Moving Poets Novilla

פורסם על ידי Mati Shemoelof

Mati Shemoelof was born in 1972 in Haifa. He is a poet, editor, and writer. He graduated with honors from the University of Haifa where he studies Film and History. He has published seven poetry books so far. The last of these was published in Germany in 2019 in a bilingual edition "Baghdad | Haifa | Berlin", published by Aphorismha Verlag [Berlin]. His first article book “An eruption from the east: Re visiting the emergence of the Mizrahi artistic explosion and it's imprint on the Israeli cultural narrative 2006-2019“ was published on “Iton 77” publishers in Israel (2020).

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